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9. Oktober 2000
Diary-Xpress
Montag, 9. Oktober 2000
Tata! Und schon wieder ein neuer Eintrag! :-)
Obwohl es diesmal nicht um ein lustiges Thema geht. Ich wollte schon länger etwas über diese Gedanken schreiben, bin aber nicht dazu gekommen.
Es ist jetzt 22 Uhr durch, das israelische Ultimatum für eine Fortführung des Friedensprozesses ist abgelaufen, die Situation wird sich eher verschärfen als friedlicher werden.
Kleiner Sprung: Vor einigen Wochen unterhielt ich mich mit einem Kollegen über mein Reiseziel Korsika. Woraufhin er meinte "Du fährst wohl nur in Krisengebiete, was?" Klar habe ich auch schon von der korsischen Untergrundorganisation gehört - aber ist Korsika ein Krisengebiet? Auf meinen etwas ratlosen Blick meinte er dann "Letztes Jahr Israel, dieses Jahr Korsika..."
Letztes Jahr, fast genau um diese Zeit, bin ich nach Israel gefahren. Bei unserem Gespräch damals habe ich abgewiegelt, daß es in Israel doch eigentlich recht ruhig war in den letzten Wochen und Monaten. Doch jetzt, innerhalb einer guten Woche, ist der Konflikt in Israel wieder aufgeflammt. Schlimmer als vor einigen Jahren.
Und wenn ich meine Reise nach Israel nicht letztes, sondern erst dieses Jahr gebucht hätte? Ganz wohl wäre mir dann nicht in meiner Haut.
Aber auch so macht es mich traurig, im Fernsehen einige der Orte zu sehen, die ich letztes Jahr besucht habe und an denen jetzt gekämpft wird. Israel ist so ein faszinierendes Land, so viele Kulturen und Religionen, so viele heilige Orte, die von verschiedenen Religionen verehrt werden. Aber da liegt wohl auch eines der Problem.
Tatsächlich gab es sogar letztes Jahr, ein oder zwei Wochen nach meiner Reise, zwei Bombenattentate in Netanja, wo ich zweimal übernachtet habe. Obwohl ich normalerweise eher ein "Hasenherz" bin, hat es mich nicht erschreckt. Ich dachte weder "Noch einmal davongekommen" noch "Wenn du jetzt zwei Wochen später gefahren wärest...".
Und wenn man es sich ehrlich überlegt: Wo ist man denn sicher?
Mein Vater war vor einigen Monaten beruflich in Moskau, unter anderem hat er auch die U-Bahn besichtigt, in der es ein paar Tage später einen Bombenanschlag gab.
- Spanien, das Urlaubsland der Deutschen, wird seit Monaten immer wieder durch Bomben- und Mordanschläge der ETA aufgeschreckt.
- Jugoslawien - wie viele Deutsche haben dort zahlreiche Urlaube verbracht? Jetzt ist so viel zerstört, zerbombt, vermint. Von den aktuellen Umbruchsereignissen ganz abgesehen.
- Philippinen - das bekannteste Geiseldrama dieses Jahres.
- Südafrika - auch dort haben nach dem Ende der Apartheit (gegen die ich damals auf einem Kirchentag auch demonstriert habe) Unruhen und Überfälle enorm zugenommen.
- Florida? Touristen wurden in Ihrer ersten Urlaubsnacht im Auto ausgeraubt.
Hey, ich will hier nicht schwarzmalen, natürlich gibt es Möglichkeiten, Gefahren aus dem Wege zu gehen, gibt es Länder, die sicherer sind. Aber sicher ist man nirgends.
Aus dem Ausland betrachtet macht Deutschland ja auch nicht gerade einen sicheren Eindruck: Ausländer werden angegriffen und verprügelt, im schlimmsten Fall sogar getötet. Jüdische Synagogen und Einrichtungen sind Ziel von (Brand-)Anschlägen. Nicht nur von Rechtsradikalen, auch von Palästinensern. Und der Bombenanschlag in Düsseldorf ist noch immer nicht aufgeklärt.
Und selbst im ganz kleinen, privaten Kreis gibt es Streit, Neid, und manchmal sogar Haß. Warum streiten wir uns mit den Menschen, die wir doch eigentlich lieben? Wenn es mit denen schon nicht klappt, wie soll es dann Frieden zwischen Menschen geben, die sich überhaupt nicht kennen - und trotzdem hassen, einfach, weil ihre Eltern sich auch schon gehaßt haben?
Nein, ich will jetzt nicht mit irgendwelchen christlichen Sprüchen kommen, denn die ändern nichts an der Situation, aber wenn es etwas gibt, daß mich auf den Himmel hoffen läßt, dann die Vorstellung, daß es dort endlich Frieden geben wird! Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Frieden - Peace - Shalom.
Nicht einen trügerischen Frieden wie in Israel, nicht aufgrund von ewigen andauernden Friedens-Verhandlungen. Einfach so. Weil im Himmel kein Platz ist für Streit und Haß. Kein Platz für Macht- und Geldbesessene. Hört sich das nicht himmlisch an???
Und bis dahin - kann jeder seinen kleinen Teil dazu beitragen, diese Welt friedlicher und sicherer zu machen. Sei es durch politisches Engagement, Zivilcourage, Erziehung der eigenen Kinder zu friedlichen (aber selbstsicheren) Menschen, oder einfach nur dadurch, daß man sich mit den Menschen versöhnt, mit denen man im Streit liegt.
Friede sei mit Euch!
P.S.: In diesem Artikel des Spiegels ist gerade ein aktuelles Beispiel über einen Israeli, dessen Sohn von Palästinensern erschossen wurde, und der sich trotzdem für den Frieden einsetzt. Gemeinsam mit Palästinensern, die auch ihre Kinder verloren haben. (Ich hoffe, der Artikel ist noch eine Weile unter diesem Link zu erreichen.)
Und noch ein Link zum aktuellen Xpress, gesehen beim letzten Wort zum Sonntag , das die Unruhen in Israel und Belgrad aus der Perspektive der Kinder überdenkt. Auch hier bleibt ein Rest von Unverständnis, warum Gott zuläßt, daß (auch) Kinder getötet werden.
Nein, ich schaue mir nicht jeden Samstag das Wort zum Sonntag an. Aber ich finde, es ist in der letzten Zeit besser und moderner - oder anders gesagt: ansprechender - geworden.
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