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17. September 2001


Hier noch ein Artikel aus der Rheinischen Post, der die psychologischen Vorgänge nach dem Anschlag aufgreift. Den Artikel kann ich online leider nicht mehr finden, aber ich hatte ihn kopiert:

Düsseldorf (rpo). Die Fernsehbilder aus den USA versetzen Zuschauer in Deutschland in Alarmbereitschaft - und schüren die Angst vor weiteren Katastrophen. Psychologen sagen, wie das Leben weitergeht.
Jeder Mensch ist eine Kämpfernatur; zum Handeln geboren, nicht zum Schauen bestellt. Im Angesicht der Gefahr befiehlt das Stammhirn dem Körper, "rette dein Leben!" - selbst dann, wenn wir die Katastrophe nur am Fernsehschirm verfolgen. Wie jetzt.

Alle haben es erlebt: "Wir sehen die Bilder der brennenden Hochhäuser, der eingeschlossenen Menschen, und der Körper setzt sein Notfallprogramm in Gang", sagt Frank Meyer, psychologischer Leiter der FliednerKlinik in Duisburg, die auf die Behandlung von Angstpatienten spezialisiert ist. Die Handflächen werden feucht, kalte Schauer rasen über den Rücken, das Herz klopft schneller und pumpt das Blut aus Gehirn und Magen hinein in die Bewegungsmuskulatur. "Wir wollen kämpfen oder flüchten - und können nur ohnmächtig zuschauen." Und mit der Ohnmacht und dem Stresshormon Adrenalin im Blut packt jeden die Angst vor einer weiteren Katastrophe.

"Aber nichts ist sicher"

"Amerika zeigt, dass wir im Leben vom Tod umgeben sind. Das weiß eigentlich jeder, doch emotional kommt diese Wahrheit bei uns nicht an", urteilt Wolfgang Tress, Direktor der Uniklinik für Psychosomatische Medizin in Düsseldorf. Der Wohlfahrtsstaat Deutschland gaukele seinen Bürgern vor, dass alles sicher sei - die Renten und das Leben. "Aber nichts ist sicher. Und das müssen wir uns klar machen", rät der Professor. In dem Bewusstsein, dass jederzeit alles vorbei sein kann, lebe man weiser und intensiver in der Gegenwart. Doch bis zu dieser Einsicht ist es für die meisten ein langer Weg, den die gegenwärtig überall spürbare Angst vor der Zukunft verstellt.

Wer diese Barriere überspringen will, sollte sich zu seinen Gefühlen bekennen. "Reden Sie mit Freunden und Kollegen über Ihre Empfindungen. Gestehen Sie Ihre Betroffenheit ein, machen Sie Ihre Befürchtungen zum Thema", empfiehlt Tress. Im Gespräch ließen sich traumatische Erlebnisse schneller verarbeiten als durch - meist ohnehin erfolglose - Versuche, sie zu verdrängen.

Arbeit als Überlebens-Rezept

Überdies stärken Gespräche das Gemeinschaftsgefühl und somit das, was die westliche Welt wohl jetzt am nötigsten braucht. Denn mit dem Zusammenbruch des World Trade Center - da sind sich Psychologen einig - haben die Terroristen das Selbstbewusstsein der Supermacht USA und ihrer Verbündeten schwer erschüttert. "Das lässt sich nur als Gemeinschaft überwinden", urteilt Tress. Und mit dem festen Willen, weiterzumachen. Die Mitarbeiter des US-amerikanischen Verteidigungsstabs haben ihn bewiesen. Gestern traten sie im angeschlagenen Pentagon wieder zur Arbeit an. "Das sollte jeder tun", meint Tress, "sich auf seine Aufgaben und Pflichten konzentrieren zum Wohle aller."

Arbeit als Überlebens-Rezept. Sie bietet dem Körper die Möglichkeit, überschüssige Energien und angestaute Emotionen abzubauen. Fachleute wie Steffen Fliegel von der Gesellschaft für Klinische Psychologie fürchten indes, dass manch einer seinen Seelendruck an anderen Menschen abreagiert. "Auf der Suche nach Schuldigen könnte es zu Übergriffen auf Bürger jener Staaten kommen, die die Terroristen zu unterstützen scheinen", sieht er voraus.

Derartige Rachegelüste versteht Frank Meyer. Doch wenngleich das Stammhirn den Körper zum Kämpfen drängt, sei das keine Entschuldigung, Aggressionen auszuleben. "Jetzt muss der Verstand regieren."